24 apr 2013

Festival der Philosophie: Hannover von 13. bis 16. März 2014



















„Wie bitte geht Gerechtigkeit?“ haben Stadt und Universität Hannover als Motto für das 4. Festival der Philosophie gewählt (13. – 16. März 2014).
Das Motto weist auf ein immer aktuelles Problem hin, aber auch auf einen kritischen Ansatz, da Gerechtigkeit heute ein leer gewordenes Wort ist, inflationär und demagogisch verwendet.
Die meisten Leute, die von Gerechtigkeit reden, sind auch die ungerechtesten.
Und wenn die Welt noch „steht“, haben wir es den ganz vielen „gerechten Menschen“ zu verdanken, die immer mehr leisten und anonymer werden, die bewusst verstummen, um „leere“ Reden auszugleichen ... wie auf der unsichtbaren Waage der ägyptischen Maat. Und ab und zu wird einer sogar zum Opfer, wenn zwei oder mehrere Gesetzesordnungen sich auf seinem Weg kreuzen.
Raimund Nowak, Ausrichter des Festivals seitens der Stadt, ist stolz u.a. auf die Zusage von Cornel West, der mit Wissen und Präsenz die Diskussion bereichert.
Peter Nickl, der Philosoph der Leibniz Universität, erinnert, dass man nur wenn man bei der Tugendlehre anfängt, über Gerechtigkeit reden kann.
Geichzeitig werden einige Beispiele von Helden der Gerechtigkeit (Sokrates, Dante, Jeanne d’Arc, Giordano Bruno, Rosa Luxemburg usw.) nachempfunden, denn die erste Form der Gerechtigkeit ist die Pflege des Gedächtnisses.
Die schönsten Orte Hannovers (Künstlerhaus, Welfenschloss, Ev. Marktkirche St. Georgii und Jacobi, Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis usw.) werden eine warme Kulisse beisteuern und engagierte Bürger und Besucher werden die Beiträge zur Gerechtigkeit begleiten und ggf. auf die Probe stellen.
Nach ein paar Jahrhunderten Gerechtigkeitsrausch – ab der französischen Revolution –  gibt es heute keinen anderen Fall, wo das Wort so enttäuscht, wo die Erwartung sich in Wort auflöst. Das nächste Festival berührt ein ganz schwieriges Feld: Millionen von Mikrokosmen sollen sich frei zu einer Globalen Gerechtigkeit bewegen, aber sie können es nicht automatisch. Netz, Presse, Juristen, alle Bürger müssen unermüdet helfen, die Richtung korrigieren, in dem Maße, dass sie ständig neue Mystifikationen und neue Demagogien entlarven.
Aber gibt es überhaupt "das Recht", und woher kommt es? Aus unserer menschlichen Natur (Naturrecht), aus Gott, aus Göttern (Göttliches Recht), aus einer Rechtsordnung, aus mehreren Rechtsordnungen (Positives Recht)? Im globalen Zeitalter verschwindet einer der wesentlichen Bestandteile des Staates – das Territorium – und es bestehen parallel im gleichen Raum Gemeinschaften, mit unterschiedlichen Rechtsordnungen, mit einem Zentrum, das ständig seinen Sitz ändert. Es bricht ein neues Mittelalter an, aber es macht uns keine Angst, weil es alles blockiert, auch das organisierte Böse, und ein menschlicheres Tempo einführt. Einerseits werden uns eine Menge neue sekundäre Rechte neu zugeschrieben, andererseits sollen wir wach bleiben und nicht bei neuen gerechten Kriegen mitmachen (gegen Minderheiten, Umwelt, nächste Generationen usw.). Gerechtigkeit gegen Freiheit auszuspielen vernichtet den Menschen.
Es bleibt nur ein Weg übrig: „gerecht werden“, um Gerechtigkeit zu schaffen – sagt mutig die Philosophie, schon auf dem Sterbebett, gegen jede neu entworfene Disziplin und Ideologie. Der Philosoph Peter Nickl, Gründer des Festivals seitens der Leibniz Universität Hannover, erinnert:
Weder das Spiel des Pluralismus noch die Legitimation durch Verfahren sind eine Garantie einer funktionierenden Verfassung, sondern die Bildung und die Tugend der einzelnen BürgerInnen. Selbst wenn wir die besten Gesetze, die besten funktionierenden „Quoten“ und ein gesichertes Grundeinkommen für alle erreichen ist immer noch nicht gesagt, dass wir eine „gerechte Welt“ haben. Denn gerecht kann nur der Einzelne sein und nur auf  „seine“ originelle Weise in der immer veränderten Welt. Gerechtigkeit ruht auf der moralischen Kreativität des einzelnen, sie gehört zur Tugendlehre jeder Politischen oder Rechts-Philosophie.
Die Tafel vor dem Amtsgericht Hannover bestätigt es. Dort steht nicht geschrieben: alle Bürger sind gleich vor dem Gesetz, sondern „passt auf Ihr Bürger, Ihr seid die einzigen Garanten der Gerechtigkeit, in diesem Hof wurden vor nur 70 Jahren im Namen des Gesetzes 210 BürgerInnen zum Tod verurteilt“.
Beim „gerecht werden“ steht ein langer Weg vor uns. Wir werden teilweise den gesamten Gerechtigkeitsspiegel beeinflussen, aber nur unter einer Bedingung: mit kleinen bescheidenen Schritten und ohne „große Rezepte von oben für alle“.  „Schaffen“ ist hier nicht das richtige Bild, oft geht es darum, Resilienz zu bieten, und vor allem um die richtige Einstellung, um Caritas, die Liebe für die Anderen (Bestandteil und Rechtfertigung der eigenen Identität).
Wenn der Schrei nach Gerechtigkeit aus Ressentiment, Wut und Verbitterung kommt, können wir sogar Recht in der Analyse haben – wie Marx –, aber wir werden selber scheitern und auch andere scheitern lassen in der Verortung der Gerechtigkeit.
Ein Silberstreif erscheint am Horizont: Das Bewusstsein des Schutzes der gemeinsamen Güter (Wasser, Luft, Wissen usw.) und die Entdeckung der Energie des Schenkens. Diese Errungenschaften lassen uns alte Partei- und Ost-West Barrieren überwinden und eröffnen neue Räume, neue Aktionsfelder und neue Hoffnungen.
Accademia di Ipazia, Hannover

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